Ringen um urbane Mobilität der Zukunft: Endlich den Weg freigeben für E-Scooter?

Bettina Müller, Bundestagsabgeordnete, SPD

Meine Güte, was spricht dagegen E-Scooter für den Straßenverkehr freizugeben? Es wird immer wieder diskutiert, dass die Roller für Mobilität in der Stadt sorgen sollen und gleichzeitig verkehrssicher sein müssen. So sollten Fußwege weitestgehend geschützte Räume für Fußgänger bleiben. Zumal es nicht sicher ist, ob die Roller nicht die Autos ersetzen, sondern vielmehr von Fußgängern genutzt werden. Städte wie Madrid oder San Francisco haben bereits viele Erfahrungen mit E-Scootern gesammelt. Dieses Wissen sollten wir in unsere Entscheidung einfließen lassen. Grundsätzlich sollten weniger Autos in den Städten fahren und ja: Der E-Scooter alleine wird das Problem nicht lösen und sorgt noch für viele Fragezeichen. Alles Argumente die sicherlich richtig sind und die wir aktuell im Bundestag rauf und runter debattieren. Ich will das Thema nicht kleinreden.

Dennoch finde ich diese ganze Diskussion um den Elektroroller irgendwie befremdlich. Denn für eine Frau wie mich, die in einem kleinen Dorf im Spessart lebt, ist das eine Phantomdebatte. Einmal abgesehen vom Spaß-Faktor: Was soll ich im Flörsbachtal mit einem E-Scooter? Wann müsste ich morgens losfahren, damit ich pünktlich meine ersten Termine im Wahlkreis wahrnehmen könnte? Reicht denn da überhaupt das Akku? „Das hat doch mit dem Verkehr in der Stadt nichts zu tun“, wird mancher vielleicht nun denken. Doch, hat es! Und zwar ganz konkret: Die Stadt braucht das Land. Wir werden das Verkehrschaos und die Luftverschmutzung in den Städten nur dann in den Griff bekommen, wenn wir für eine vernünftige Infrastruktur auf dem Land sorgen. Wenn die Pendler einen guten Anreiz haben, auf das Auto zu verzichten und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, wenn wir Stadtbewohner überzeugen können, von der Stadt aufs Land zu ziehen, dann vergrößern wir die Chance auf weniger Autoverkehr in den Städten enorm.

Das ist übrigens genau wie mit den Mieten: Wir meistern den Wohnraummangel in den Städten nur dann, wenn wir unsere Dörfer fit und attraktiv machen. Da können wir uns noch so auf den Kopf stellen! Schon jetzt bräuchten wir in den Ballungsräumen jährlich über 20.000 neue Wohnungen, um den Bedarf zu decken. Jährlich! Wie soll das gehen? Auf dem Land stehen die Wohnungen leer und auf den Neubaugebieten sind Grundstücke frei.

Und da sind wir wieder bei Sinn und Unsinn der E-Scooter-Debatte: Wenn in Frankfurt der Arbeitsplatz wartet, müssen wir es auch irgendwie dahin schaffen. Von meinem Dorf brauche ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln – wenn alles glatt läuft – bis zum Frankfurter Hauptbahnhof in der Regel rund 2 Stunden. Ohne warten an den Bahnhöfen, wohlbemerkt. Das reduziert die viel zitierte „Work-Life-Balance“ auf ein Minimum. Also greifen die meisten Pendler wieder auf ihren PKW zurück. Die Parksituation an unseren Bahnhöfen im Kinzigtal wird immer schwieriger, weshalb wiederum ein großer Anteil von Pendlern direkt bis zu seinem Arbeitgeber durchfährt. Das Ergebnis sieht man morgens auf der Autobahn. Das zeigt: Die urbane Mobilität ist abhängig von der Mobilität auf dem Land.

Immer häufiger sehnen sich junge Stadtfamilien nach ländlicher Idylle. Wenn aber ein Leben auf dem Land schlichtweg nicht in Frage kommt, weil Busverbindungen (wahlweise auch Hausärzte, Einkaufsmöglichkeiten, Kindergärten, Schulen oder Geldautomaten) fehlen, dann bleiben nur die kleinen, völlig überteuerten Wohnungen in der Stadt. Ich habe als Bundestagsabgeordnete das Privileg, sowohl in einem kleinen Dorf, als auch während der Sitzungswochen in Berlin zu leben. Deshalb kann ich im Brustton der Überzeugung sagen: Das Land braucht sich nicht zu verstecken. Wir haben gute Argumente. Deshalb sollten wir, bevor wir uns in Debatten um E-Scooter verlieren, an Konzepten für den ländlichen Raum arbeiten. Unsere Kleinstädte und unsere Dörfer könnten die nötige Alternative, die Teillösung urbaner Mobilität sein.